Interview mit „Steppenwolf“ Martin: Schritt für Schritt zur individuellen Rundreise in Marokko – Teil 5

Im fünften Teil der Artikelserie über Rundreisen teilt Martin, der regelmäßig mit seinem geländegängigen „Zebra“ auf eigene Faust unterwegs ist, seine Erfahrungen in Marokko. Seine erlebnisreichen Touren hat er unter dem Pseudonym „Steppenwolf“ in diversen Reiseberichten beschrieben. In diesem ausführlichen Interview schildert er seine Begegnung mit Marokko, erzählt vom NIBRAS-Projekt und gibt Tipps für Selbstfahrer von A wie Ausrüstung bis Z wie Zoll.

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Teile der Artikelserie:

  1. Einleitung und Überblick
  2. Reisezeit, Routen und Regionen
  3. Anreise, Flug und Fortbewegung
  4. Hotels, Übernachtung und Unterkunft
  5. Interview mit Martin (Der Steppenwolf)

Martin, du bist schon mehrmals mit dem eigenen Fahrzeug in Marokko unterwegs gewesen und hast inzwischen viel von dem Land gesehen. Stell dich und dein Fahrzeug doch mal bitte in wenigen Sätzen denjenigen Lesern vor, die weder dich noch deine Berichte kennen.

Ich bin Baujahr 1957. Nach dem Hauptschulabschluss begann ich eine Ausbildung zum Buch- und Offsetdrucker und arbeitete nach der Ausbildung weitere 6 Jahre. Ich wollte dann einfach mal die Fachschulreife machen. Diese habe ich so recht und schlecht geschafft — war das härteste Jahr meiner Schul- und Studienzeiten. Habe dann gleich die Fachhochschulreife gemacht und danach wieder in meinem gelernten Beruf gearbeitet. Die Voraussetzungen für ein Ingenieurstudium der Druckereitechnik hatte ich ja. Diese Gelegenheit hatte ich dann als “Spätzünder“ genutzt. Danach arbeitete ich verschiedenen Positionen bei einem Druckmaschinenhersteller, einer Verpackungsdruckerei und in Handelsunternehmen. Seit 10 Jahren arbeite im Vertrieb in einem Unternehmen in Tuttlingen.

Mein Reisebegleiter ist das Zebra, das ich jedoch nur für Kurztrips und die herrlichen Reisen nutze. Dies hatte ich mit Folienresten beklebt. In Insiderkreisen ist dieser der Fahrzeugtyp als “Buschtaxi“ bekannt. Es ist ein Toyota Landcruiser der Serie J7. Die genaue Fahrzeugbezeichnung ist Toyota Landcruiser, Typ PZJ 75, Hubraum 3,5l, Motor: 5 Zylinder Diesel, 115 PS, 24 V Bordspannung und Baujahr 1992. Eine Rakete ist das ca. 2,8 Tonnen schwere Zebra nicht. Ich genieße jedoch jeden Kilometer, den ich damit fahre. Dieser Toyota ist ein robustes und elektronikfreies Fahrzeug, das fast überall repariert werden kann.

„Auf meinen Reisen lasse ich mich einfach treiben“

Ich kaufte den Toyota als Gebrauchtfahrzeug mit einem einfachen Ausbau im Jahr 2002. Serienmäßig war er bereits gut ausgestattet: Zuschaltbarer Allrad mit Untersetzungsgetriebe, Differenzialsperren für die Vorder- und Hinterachse, mechanische Seilwinde, Scheibenwaschanlage und eine elektrische Vorheizung. Im Laufe der Jahre wurde folgendes ergänzt: Schnorchel (erhöhte Luftansaugung), 2 zusätzliche Fernscheinwerfer, Standheizung, CB-Funk, OME-Fahrwerk, schwere Sidepipe, 125l-Zusatztank (gesamt 215 Liter Diesel), wohnlicher Innenausbau (12 mm Multiplex Birke), Waschbecken, Platz für ein Porta Porti, 45 l Kompressorkühlbox, zusätzliche Gelbatterie im Innenraum zur autarken Stromversorgung, Hubdach, seitliche Markise, 2 zusätzliche Arbeitsscheinwerfer, 1 Rückfahrscheinwerfer, Kanister- und Sandblechhalterungen. Schlafen kann ich, je nach Wetterlage oder Übernachtungsort im Fahrzeug oder oben im Hubdach.

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Martin und sein Zebra in Südmarokko

Wie planst du deine Reisen? Welche Dinge, zum Beispiel Fähre, Unterkunft oder besondere Formulare, organisierst du vorher und was regelst du vor Ort?

Hier falle ich möglicherweise aus dem bekannten Raster. Planen und Organisieren muss ich täglich in meinem Job. Auf meinen Reisen lasse ich mich einfach treiben. Ich weiß nur, wann ich wieder arbeiten muss. Viele Informationen und Tipps über ein Land bekomme ich von Freunden und Bekannten. Im Internet finde ich auch Infos. Reiseführer (Kohlbach, Reise Know-How) und Landkarten sind mit an Bord. Kam auch schon vor, dass ich auf der Tour keine Seite im Reiseführer gelesen hatte. Da ich ja mit meinem mobilen Appartement unterwegs bin und tendenziell meist irgendwo auf dem “Acker“ mein Nachtlager aufschlage, muss ich mir keine Gedanken bezüglich einer Unterkunft machen.

Fähren nach Marokko buche ich vorher nicht. Meist setze ich von den spanischen Häfen Almeria, Algeciras oder Tarifa über. Hier kaufe ich mein Ticket. Meist ein Platz für das Zebra vorhanden. Wenn nicht, dann warte ich eben einige Stunden. Gleiches gilt für die Rückreise von Marokko nach Spanien. Empfehlen würde ich eine Vorabbuchung der Fähren, die in Livorno, Genua, Seté und Barcelona in Richtung Marokko ablegen. Insbesondere auch in den Hauptreisezeiten. Wichtig ist, dass man genügend Fiches dabei hat. Hier sind alle persönlichen Daten, Geburtsort etc. inkl. Beruf, die Reisepassnummer sowie Fahrzeugdaten enthalten. Hersteller, Typ, Farbe, Baujahr, Fahrgestellnummer und Kennzeichen. Fiches vereinfachen bzw. erleichtern beispielsweise die Anmeldung auf Campingplätzen oder bei Polizei- oder Militärkontrollen, denn die Beamten müssen nicht alle Daten nochmals erfassen und sind dankbar für die Arbeitserleichterung. Bei der Einreise erhält jeder eine einmalige Nummer, die auch in den Reisepass gestempelt wird. Jede Person muss ein Einreiseformular ausfüllen. Bekommt man oft schon an der Fähre oder direkt am Ticketschalter. Hier müssen die persönlichen Daten und Daten des Reisepasses eingetragen werden. Weiterhin den/ die Aufenthaltsorte in Marokko. Bei der Ausreise muss man wieder eins ausfüllen.

„Wichtig ist, dass das Fahrzeug technisch in Ordnung ist, also kein Reparaturstau“

Für das Fahrzeug muss ebenfalls ein Formular ausgefüllt werden; Daten wie im Fiche vermerkt. Das Fahrzeug ist dann registriert und muss spätestens nach 90 Tagen wieder ausführt werden. Der Fahrzeughalter bekommt 2 Kopien, grünes weißes Papier mit. Dieses ist bei der Ausreise vorzuzeigen. Das Fahrzeug wird dann wieder ausgetragen. Falls der Fahrzeugbesitzer nicht der Fahrer ist, ist eine Vollmacht erforderlich. Die stellt der ADAC aus, ist formeller. Kann man jedoch auch selbst verfassen. Wichtig: In französischer Sprache.

Wie groß ist der bürokratische Aufwand mit dem eigenen Fahrzeug? Stichwort Einreise und Versicherung.

Eigentlich läuft alles ganz easy ab bei der Ein- und Ausreise. Sehr wichtig ist, dass man die grüne Versicherungskarte dabei hat und diese auch für Marokko gültig ist. Falls nicht, muss an der Grenze eine Versicherung abgeschlossen werden. Die Preise bewegen sich zwischen 80 EUR und 250 EUR für einen Zeitraum von 4 – 12 Wochen. Die Preise sind mir jedoch nur vom Hörensagen bekannt. Für Urlauber, die zum ersten Mal in Marokko einreisen, empfiehlt sich Tanger als Ankunftsziel. Hier läuft die Einreise etwas ruhiger ab. Als etwas chaotisch empfand ich die Ein- und Ausreisen in Ceuta. Es ist eine komplette Umstellung bezüglich der Einreise. Es ist Afrika. Und hier ticken die Uhren langsamer und anders als wir es gewohnt sind. Jeder Beamte hat seine Aufgaben. Jedenfalls muss man sich in Geduld üben.

steppenwolf-marokko-unterwegs

Mit dem Zebra unterwegs auf einer Nebenstraße in Nordmarokko

Bei der Einreise erhält jede Person eine einmalige Nummer, die auch in den Reisepass gestempelt wird. Jede Person muss ein Einreiseformular ausfüllen. Bekommt man oft schön an der Fähre oder direkt am Ticketschalter. Ist meist ein DIN A6 Formular. Auf einigen Fähren, die direkt marokkanische Häfen anlaufen, sind der Zoll und die Polizei mit separatem Schalter/Schreibtisch an Bord. Hier können die Formalitäten gleich erledigt werden. Schlange stehen muss man dennoch. Bei der Ausreise muss man wieder eins ausfüllen. Für das Fahrzeug muss ebenfalls ein Formular ausgefüllt werden. Daten wie im Fiche vermerkt. Das Fahrzeug ist dann registriert und muss spätestens nach 90 Tagen wieder ausführt werden. Der Fahrzeughalter bekommt zwei Kopien, grünes weißes Papier mit. Dieses ist bei der Ausreise vorzuzeigen. Das Fahrzeug wird dann wieder ausgetragen.

Mich nerven die Schlepper an den Grenzen, die ihre Dienstleistungen gegen ein Entgelt anbieten, teilweise recht penetrant. Hier das Ausfüllen der Formulare, um schneller einreisen zu können, was oft nicht der Fall ist. Gleiches gilt auch für Ticketschalter in den Häfen für die Fährtickets — auch ohne Schlepper kann man nach Marokko einreisen. Die Zöllner sind bei Fragen behilflich.

Hast du besondere Ratschläge für Selbstfahrer? Worauf sollte man bei Touren mit dem eigenen Fahrzeug achten?

Wichtig ist, dass das Fahrzeug technisch in Ordnung ist und man mit einem guten Gefühl von zu Hause aus losfährt. Also kein Reparaturstau. Man muss sich im Klaren sein, dass bei einer dreiwöchigen Rundtour und eigener Anreise bis an die spanischen Häfen schon über 8.000 km zusammenkommen können. Warndreiecke, Verbandskasten, Sicherheitswesten, Reiseapotheke, gutes Bordwerkzeug, Wagenheber, ausreichend Leuchtmittel und Sicherungen sowie ein Bergegurt sollten obligatorisch sein. Je nach Vorlieben und Routen oder Pisten wird das Fahrzeug manchmal bis über seine Grenzen beansprucht. Jeder kennt sein Fahrzeug, seine Stärken und Schwächen und wird entsprechende Vorsorge treffen. Vorteilhaft ist es auch, ein gutes Reserverad dabei zu haben. Auch vorher mal testen, ob es noch aus seiner Halterung gelöst werden kann. Je nach Tour oder Region sollte immer genügend Trinkwasser mit an Bord sein. Den Tank besser auch vorher auffüllen. Sonst eine eiserne Ration an Lebensmitteln und alles was mann/frau sonst noch mag.

„2016 verkohlte der Anlasser. Da kam ich kurz ins Schwitzen, nicht der herbeigerufene Mechaniker“

Ich vermeide es, in Marokko bei Dunkelheit zu fahren. Autobahnen sind ok. Hier sind jedoch auch oft Menschen unterwegs, bzw. überqueren die Fahrbahnen. Nachtfahrten erfordern volle Konzentration. Es sind oft noch Menschen unterwegs, schlecht- oder unbeleuchtete Fahrzeuge, Eselkarren, Zweiradfahrer und Tiere. Auch die Straßenbeläge sind teilweise sehr schlecht. Jedes große Schlagloch oder Bodenwelle erkennt man nicht sofort. Vor einem Überholvorgang hupe ich und schaue, ob mich der Fahrer auch sieht. Ansonsten passe ich mich der für unsere Verhältnisse etwas unorganisierten Fahrweise im Land an. Marokko ist das Land der mobilen Radarkontrollen. An die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten sollte man sich halten. Vor größeren Städten, an Kreuzungen oder Kreisverkehren auf Nationalstraßen, in touristischen Regionen oder in der Nähe von sicherheitsrelevanten Einrichtungen sind oft Polizeikontrollen. Wird man als Tourist erkannt, wird man meist durch gewunken.

Hattest du unterwegs jemals Probleme mit deinem Auto? Wie waren deine Erfahrungen mit marokkanischen Werkstätten oder reparierst du bei einer Panne alles eigenhändig?

Platte Reifen kamen schon öfters vor. Werkstätten, die die Reifen wieder reparieren, gibt es in fast jedem Dorf. Vor 4 Jahren wurde bei einer Flussdurchfahrt ein Reifen seitlich aufgeschlitzt. Das war ein Totalschaden. Einen Ersatzreifen in dieser Größe war in ganz Marokko nicht aufzutreiben. Ich musste dann bestimmte Pisten und Ecken meiden. Die Mitnahme eines Reifens zusätzlich zum Ersatzrad ist für “wirkliche Offroader“ zu empfehlen.

marokko offroad steppenwolfPistentour in Südmarokko

Auch trat mal aus auf der linken Seite der Vorderachse Öl aus. Hier wurde in einer Werkstatt ein neuer Simmerring eingesetzt. Auf jeden Fall nach Werkstätten fragen, die Erfahrungen in Reparaturen mit 4×4 Fahrzeugen oder der entsprechenden Marke haben. Im Januar 2016 verkohlte der Anlasser in Foum Zguid. Das darf nach über 450.000 km auch mal vorkommen. Da kam ich kurz ins Schwitzen, nicht der herbeigerufene Mechaniker. Aus zwei alten Anlassern wurde provisorisch ein neuer gebrauchter gemacht und angepasst, Hut ab! Genau bei der Ankunft vor der Haustüre hat dieser Anlasser dann endgültig seinen Geist aufgegeben. Notfalls hätte ich auf den ADAC Schutzbrief zurückgreifen können. Dieser deckt auch die Mittelmeeranrainerstaaten, also auch Marokko, ab.

„Zusätzlich habe ich noch viel Kruschd dabei“

Wie hältst du es mit Navigation und Orientierung? Welche Karten benutzt du? Kannst du bestimmte Apps empfehlen?

Landkarten sind für mich oberste Priorität. Ich nutze eine Landkarte von Marco Polo und eine von Reise Know-How. Michelin-Karten sind zu auch zu empfehlen. Auf einer Landkarte habe ich sofort einen guten Überblick über das Land oder eine Region und sehe auch schnell Verbindungsstraßen und Pisten. Das Feintuning erfolgt mit dem GPS, das für mich eine gute Unterstützung ist. Hier sehe ich auch immer gleich meinen Standort oder die Richtung, in die fahre. Auf dem Garmin 278 ist die Marokko Topo installiert. Hier kann ich auch einfach Waypoints eingeben bzw. speichern oder Tracks aufzeichnen. Sehr zu empfehlen sind die OsmAnd-Karten, die man kostenlos auf sein Android Smartphone herunterladen kann. Das ist eine Offline-Navigation — also nur GPS aktivieren und los geht’s! Die optischen Darstellung und das Routing sind sehr gut. Ich war überrascht, dass auch sehr viele Pisten enthalten sind.

Gibt es Equipment oder Ausrüstungsgegenstände, die du besonders wichtig findest und deswegen immer dabei hast?

Zusätzlich zur bereits genannten Grundausrüstung habe ich noch viel Kruschd dabei, wie der Schwabe sagt: Draht, Tape, Schlauchschellen, Schlauchstücke, Kabelbinder, diverse Schrauben und Muttern, einige Kabelstücke und Klemmen, Spannungsmesser, 2 Bretter aus Hartholz zur Unterlage für den Wagenheber (vorteilhaft bei weichen Untergründen), kleiner Klappspaten, Handsäge, kleine Axt, Kompass, Reifenflickset, Reifenluftdruckmesser, Luftpumpe, 1 Liter Motorenöl, je einen Öl- und einen Kraftstofffilter, 2 Keilriemen, Gewebeplane, ein Stück Kreide, Arbeitshandschuhe, Lappen, Taschenlampen. Habe bestimmt noch einiges vergessen. 20 Liter Wasserkanister — reicht in Marokko völlig aus. Zusätzlich sind am Zebra noch 2 Sandbleche und eine Schaufel befestigt.

Was kostet so eine mehrwöchige Tour mit dem eigenen Auto, wie du sie durchführst, eigentlich ungefähr?

Die Hauptkosten für meine Marokkotouren sind die Kosten der An- und Rückreise. Je nach Strecke muss ich in Frankreich bezüglich der Mautgebühren tief in mein Reisekässle greifen. Durch Spanien fahre ich weitgehend mautfrei. Hier auf die mautfreien Autobahnen mit der “A“ Kennzeichnung achten. “AP“ bedeutet mautpflichtig. Die Gesamtkosten für eine solche Tour, nehmen wir an ich fahre ca. 8.500 km (Anreise und Rückreise 4.600 km, in Marokko 3.900 km), betragen ca. 2.000 EUR. Allein die Kosten für den Diesel, die Mautkosten und die Kosten der Fähren betragen hier ca. 1.500 EUR. Ca. 500 EUR habe ich da noch übrig. Darin sind dann auch wieder Kosten für einen Ölwechsel, ggf. kleinere Reparaturen, Gastgeschenke, viele Mitbringsel etc. enthalten. Ich mag die langen Fahrten mit den Fähren nicht. Für mich würde sich Seté in Frankreich als Fährhafen oder auch Barcelona anbieten.

„Ich verlasse mich oft auf mein Bauchgefühl“

Wenn ich das Gefühl hätte, in einem nicht sicheren Land unterwegs zu sein, würde ich dort keinen Urlaub verbringen. Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes halte ich für etwas pauschaliert. Ich nehme an, dass keiner der Verfasser je in Marokko unterwegs war. Eine absolute Sicherheit habe ich auf meinen Reisen nicht. Egal in welches Land ich fahre. Selbst in Deutschland ist diese Sicherheit nicht gegeben. Ich verlasse mich oft auf mein Bauchgefühl, insbesondere bei der Wahl der Übernachtungsplätze. Meist stehe ich ja frei und oft an einem schönen Fleckchen Erde.

rastplatz marokko

Rastplatz am Oued Laou nördlich von Chefchaouen

Während meiner Reisen in Marokko habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. „Negativ“ wird jedoch von jeder Person anders definiert. Ich bin weder bestohlen worden noch wurde das Fahrzeug beschädigt oder aufgebrochen. In Marrakesch ist mir vor zwei Jahren ein Typ absichtlich mit seinem Auto vorsichtig in die vordere Stoßstange des Zebras gefahren. Da war jedoch nur der Schlamm weg. Der Typ gab sich als Polizist aus, hatte schön eine Polizeimütze auf dem Armaturenbrett platziert und wollte den Schaden, ein gesplittertes Blinkerglas, von mir ersetzt haben, was ich jedoch nicht gemacht hatte. Ich passe etwas mehr auf, wenn ich beispielsweise in den Großstädten oder in touristischen Regionen unterwegs bin. Wertgegenstände werden gut versteckt oder mitgenommen, das Navi aus der Halterung entnommen etc. Beim Besuch der vielen Souks, selbst in ländlichen Regionen, muss man bezüglich Taschendiebstählen aufpassen. Oft werde ich von einigen Menschen darauf hingewiesen, dass ich meine Geldbörse und das Smartphone gut verstecken solle.

Sowohl bei diesen Reisehinweisen als auch in zahlreichen Reiseführern wird auch immer wieder von Fahrten durch das Rifgebirge abgeraten. Die Geschichten von Haschischhändlern, die Straßensperren errichten und Touristen zum Drogenkauf zwingen, halten sich hartnäckig. Du bist mehrfach im Rifgebirge unterwegs gewesen. Wie ist dein Eindruck der Region?

Oh, ja, diese Geschichten hört man oft oder liest diese in den Tiefen des Netzes. Auch hier ist festzustellen, dass jeder Reisende dies anders empfindet. Wenn ich beispielsweise in der Medina in Marrakesch oder in Essaouira unterwegs bin, werde ich manchmal auch angesprochen, um ein bestimmtes Produkt zu kaufen. Das gleiche trifft auch auf die Städte im Rif zu. Hier beispielsweise in der Region um Ketama oder Chefchaouen. Hier sind es halt keine Lederwaren, Leuchten, Schuhe oder Teppiche, sondern das in dieser Region angebaute Haschisch. Ich glaube, die berüchtigten Straßensperren gehören der Vergangenheit an. Auf der Hauptverbindungsroute zwischen Ketama und Chaouen ist es noch so, dass man von Autos überholt und teilweise leicht ausgebremst wird, um an der nächstmöglichen Stelle am Straßenrand anzuhalten. Hier wird dann versucht, die gute Qualität, des in der Region angebauten natürlichen Produktes, an die Frau oder an den Mann zu bringen. Als gefährlich stufe ich persönlich dies nicht ein.

Das Rif ist eine wunderschöne und ursprüngliche Gebirgsregion, in die sich nur wenige Touristen verirren. Die vielen netten und sehr offenen Menschen bedauern dies. Ich sprach mit einigen Bauern, Zwischenhändlern und Dealern sehr offen über den Hanfanbau, die Händler und die Vertriebswege. Diese Region werde ich wieder besuchen. Der Gebirgsregion um Ketama muss sehr sehenswert sein.

Wie sind deine Erfahrungen mit marokkanischen Beamten und der Polizei? Musstest du jemals Schmiergeld zahlen oder Erfahrungen mit rechtsstaatlichen Defiziten machen?

Es kommt vor, dass ich an Kontrollstellen auch mal anhalten muss. Meist sind die Beamten nur neugierig. Oft wird die Frage gestellt, warum ich alleine unterwegs bin, ob ich verheiratet bin, eine Freundin habe, wo ich in Deutschland wohne, in welchem Job ich arbeite usw.. Oft werde ich im Süden Marokkos angehalten. Sehr wenige Beamte fragen bestimmend nach “Geschenken oder Alkohol“. Meine ca. 30 cm lange Maglite Taschenlampe, die am Armaturenbrett befestigt ist, hätte ich oft “verschenken“ können. Ich sage immer, das sei meine Waffe zur Verteidigung. In 2008 musste ich eine Strafe bezahlen, weil ich eine durchgezogene Linie überfahren hatte. Hier konnte ich jedoch den Betrag etwas reduzieren.

Im Dezember 2105 hatte ich auf einer Nationalstraße einen sehr langsam fahrenden LKW im Überholverbot und einer durchgezogenen Linie überholt. Dieser gab mir Blinkzeichen zum Überholen. Die Polizei bat mich, doch mal rechts ran zu fahren. 700 MAD sollten meine beiden Vergehen kosten. Den Quittungsblock hatte der Beamte schon in der Hand. Gut war, dass er etwas Englisch sprach. Eine lange Diskussion begann. Wir Deutschen hätten doch viel Geld, um die Buße zu bezahlen. Mein Auto ist doch auch sehr teuer. Was ich arbeite und verdiene etc. Hier sage ich immer, dass ich in einer Fabrik arbeite, das Leben in Allemagne sehr teuer sei und ich mein ganzes erspartes Geld zur Seite lege, um in das herrliche Marokko mit seinen netten Menschen zu reisen. Ich informierte ihn, wie er an die Gratisapp der Osmand Offline-Navigation kommt. Hier kam ich dann mit einer mündlichen Verwarnung davon.

Nimmst du Tramper mit und was würdest du Leuten raten, wenn sie unterwegs jemanden sehen, der den Daumen raushält?

Ja, ich nehme Anhalter mit, wenn ich Lust habe. Da ich alleine unterwegs bin, habe ich genug Platz im Zebra. Für die Menschen ist es völlig normal, die Hand auszustrecken, um in die nächste Stadt, das nächste Dorf oder auch weiter zu kommen. Da gibt es auch keine Alters- oder Geschlechtsunterschiede. Ich freue mich immer, wenn die Menschen im Zebra sitzen, die Fahrt mit dem Ausländer genießen und sich auch wohlfühlen. Schön ist es, wenn ich mich mit meinem Mitfahrer etwas unterhalten kann. Habe schon eine hochschwangere Frau, auf der hinteren Sitzbank liegend, schnell vom Dorf in die Stadt zum Arzt gefahren, Polizisten und Lehrer mitgenommen, Kinder, Jugendliche, Frauen jeden Alters etc.. Einige Fahrgäste wollten für die Fahrt bezahlen (was üblich ist), zeigten mir vorher ihren Ausweis und und und. Ich wurde auch schon zum Tee oder zum Essen eingeladen, von Männern bekam ich Küsschen auf die Wangen, von Frauen auf den Handrücken.

Ein Ausländer mitten unter fünf Frauen

Bis auf zwei Ausnahmen hatte ich immer volles Vertrauen zu meinen Fahrgästen. Je nach Region hatte ich auch mal an, um Fotos zu machen. Hier bleiben die Menschen meist im Fahrzeug sitzen, wo meine Geldbörse, das Smartphone etc. offen und sichtbar herumliegen. Falls mein Bauchgefühl sagt, dass ich meinem Gegenüber nicht vertrauen soll, bitte ich diesen auch, mit auszusteigen — unter dem Vorwand, von mir ein Foto zu machen. Ich persönlich kann nur empfehlen, wenn Platz vorhanden ist, Anhalter mitzunehmen — über die vielen Erlebnisse könnte ich schon ein Buch schreiben.

Gab es für dich in Marokko besonders positive Erlebnisse, die dich nachhaltig berührt haben?

Oh ja. Ich hatte viele positive Erlebnisse mit den Menschen. Heute noch habe ich Kontakt zu meinen Fischern am Atlantik, zu einer Berberfamilie, die in einer Bilderbuchoase, ganz versteckt, im Süden Marokkos leben, oder zu Redouane und seiner lieben und großen Verwandtschaft in der Nähe von Ouatat El Haj. Hier unterstütze ich auch ganz aktuell das soziale und kulturelle Projekt NIBRAS.

NIBRAS Projekt Marokko Steppenwolf

Solaranlage im NIBRAS-Projekt

Was mich noch berührt, war und ist bis heute der Kontakt zu einer Berberfamilie, die auf einem Gehöft östlich von Khenifra in der Region Azrou lebt. Die Familie wohnt in Holzverschlägen ohne Wasser und Stromanschluss, die mit Planen gegen die Nässe und den Schnee geschützt sind.  Eine stolze Berberfrau, ihr Mann ist vor einigen Jahren verstorben, mit ihren vier Töchtern um Alter zwischen 22 und ca. 35 Jahren. Diese Familie hatte ich genau am 24.12.2014 am frühen Morgen kennengelernt, als ich bei tiefen Minustemperaturen von meinem Übernachtungsplatz im Zedernwald wieder in Richtung Straße fahren wollte. Ich bot einer jungen Berberfrau, die ich zufällig oben an einem Hang gesehen hatte, Kleidung und Schuhe an, die ich von zu Hause mitgenommen hatte. Zum Dank hatte mich diese Frau zu einem Tee in ihr Haus eingeladen. Hier lernte ich die Familie kennen. Aus dem Tee wurde dann ein 5-tägiger Aufenthalt, im Sommer 2015 ein 7-tägiger Aufenthalt. Hier hatte ich einen tiefen Einblick in das einfache Leben und die Tagesabläufe der Familie. Von der Offenheit der Frauen war ich überrascht. Ein Ausländer mitten unter fünf Frauen. Unterhalten kann ich mich mit den Frauen nicht. Dennoch verstehen wir uns immer recht gut. Viele schöne, lustige und gemütliche Abende wurden in der Hütte am einzigen Ofen verbracht.

Diese Erlebnisse und Erfahrungen berühren mich bis heute. Einige meiner Lebensansichten haben sich für mich zum Positiven verändert: “Weniger ist mehr“ oder “Zeit kann man nicht kaufen“. Allgemein berührt mich die Freundlichkeit, die Herzlichkeit, die Gastfreundschaft, die Wärme und das Lächeln der Menschen. Aus diesem Grund fühle ich mich auch recht wohl in diesem herrlichen, orientalischen Land.

Hast du das Gefühl, dass sich das Land in den letzten Jahren verändert hat?

Etwas nachgelassen hat die penetrante Anmache, besonders in touristischen Regionen oder an den Straßen, an denen Touristen oft vorbeikommen. “Mein Marokko“ ist jedoch abseits dieser Regionen. Es wird mehr darauf geachtet, den Müll richtig zu entsorgen. Immer mehr Mülleimer sind in den Städten zu sehen. Die Preise sind angestiegen, Stichwort: Essen gehen. Aus vielen Pisten wurden gut befahrbare Straßen. Auch hier überwiegend in touristischen Regionen. Immer mehr Jugendliche sprechen Englisch. Besonders entlang der Atlantikküste entstehen neue Wohnviertel und neue Hotelkomplexe. Auf dem Land stelle ich keine besonderen Veränderungen fest.

Welcher ist dein marokkanischer Lieblingsort? Was muss man unbedingt mit eigenen Augen gesehen haben?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Sehr wohl fühle ich mich auf dem Land oder in Provinzstädten, die in Reiseführern gar nicht beschrieben sind. Hier fühle, sehe und erlebe ich das reale Marokko. Eine der schönsten Ecken Marokkos ist für mich der Antiatlas, also die Gegend um Tafraoute. In Essaouira fühle ich mich auch immer recht wohl. Es ist eine wunderschöne Stadt mit einem unbeschreiblichen Flair.

Tafraoute Antiatlas Marokko

Tafraoute (Foto: Trekking in Marokko)

Gretchenfrage für Sandkastenfreunde: Erg Chebbi oder Erg Chegaga?

Erg Chegaga ist hier mein klarer Favorit. Eine riesige sehenswerte abwechslungsreiche Stein- und Sandwüste, wo man auch heute noch einen ruhigen und ungestörten Übernachtungsplatz finden kann.

Wann ist deine nächste Marokko-Tour geplant?

Ich war erst über Ostern 2016 in Marokko, um aktiv am NIBRAS-Projekt mitzuarbeiten, bin jedoch mit dem Flieger angereist. Im August 2016 fahre ich wieder für drei Wochen in das mir sehr lieb gewordene Land. Hier werde ich auch wieder meine Berberfamilie besuchen und beim NIBRAS-Projekt mitarbeiten — bleibe also nur im Norden. Und natürlich auch wieder über den Jahreswechsel.

Vielen Dank für dieses ausgesprochen ausführliche Interview und viel Erfolg mit dem NIBRAS-Projekt!

(Alle Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet, sind mit freundlicher Genehmigung von Martin (der-steppenwolf.com) übernommen)

Links:

Wie geht es weiter mit der Artikelserie über Rundreisen?

Der nächste Teil der Artikelserie über eigene Rundreisen in Marokko wird sich voll und ganz um hilfreiche Reiseführer und brauchbares Kartenmaterial drehen. Neben diesen nützlichen Werkzeugen für die Reiseplanung gibt es außerdem Tipps zu den Themen Navigation, GPS und Orientierung.

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