Djebel Toubkal: Jack Wolfskin zeigt, wie man es nicht machen sollte

Der höchste Berg Nordafrikas, Djebel Toubkal, im Winter

Auf dem offiziellen Outdoor-Blog von Jack Wolfskin erscheinen nicht nur Produkt- und Firmennews des Unternehmens, sondern es werden dort auch regelmäßig Reiseberichte veröffentlicht, wie zuletzt über einen Roadtrip, der zwei Reisende und ihren Begleithund von Senegal nach Marokko führte. Als sich deren Tour Mitte Februar allmählich ihrem Ende näherte, sehnten sie sich nach kühleren Temperaturen und anderen Landschaften — beides sollten sie im Hohen Atlas finden. Ihr kurzer Reisebericht ist ein Lehrstück dafür, wie man sich in den Bergen nicht verhalten sollte.

Nachdem Alex und Claudia gehört haben, dass sich in Marokko Nordafrikas höchster Berg befindet, wuchs in ihnen der Wunsch, den Djebel Toubkal (4167m) zu besteigen. Auf die Ideen, dass es für dieses Vorhaben im Februar anderer Ausrüstung bedarf als im Sommer, sind sie leider nicht gekommen — im Gegenteil:

„Schnell erreichten wir den Startpunkt zum Aufstieg und waren uns einig, dass die mitgebrachte Ausrüstung dafür ausreichen würde. Wie sich später herausstellte, lagen wir damit falsch.“

Mit Sommerwanderschuhen durch den Neuschnee

Doch bei dieser Fehlentscheidung sollte es nicht bleiben: Als es um die Planung der Übernachtung ging, entschlossen die beiden, nicht in der Toubkal-Hütte zu nächtigen, sondern stattdessen ihr eigenes Zelt mitzunehmen — angesichts der Wetterbedingungen, die im Winter in dieser Höhe auftreten können, ein mutiges Vorhaben, das eine gewisse Erfahrung voraussetzt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Toubkal-Touren hatte es das Trio am ersten Tag nicht besonders eilig und wartete mit dem Aufbruch bis zur Mittagszeit. Trotz des späten Tourbeginns und der Tatsache, dass die beiden auf einen ortskundigen Führer verzichteten, erreichten sie relativ schnell die Toubkal-Hütte.

Der höchste Berg Nordafrikas, Djebel Toubkal, im Winter

(Foto: Andeggs, Wikipedia, CC-Lizenz)

Der erste Aufstieg hätte jedoch auch nicht viel länger dauern dürfen, denn ein Wetterwechsel machte ihnen alsbald einen Strich durch die Rechnung .Es begann zu regnen und aus Regen wurde bald Schnee. Die drei hatten plötzlich eine Einsicht und nächtigten notgedrungen doch in der Toubkal-Hütte:

„Leider war nun die Situation unsicher geworden, denn sowohl die Wetterbedingungen als auch die Sichtverhältnisse waren schlecht. Außerdem waren wir mit der Umgebung wenig vertraut“

Am nächsten Morgen lagen 15cm Neuschnee. Die anwesenden Bergführer versuchten offenbar, einige Touristen — darunter auch die beiden Trekker —  wegen der extremen Wetterbedingungen von einer weiteren Besteigung des Toubkal abzubringen. Nur drei Gruppen wollten den Aufstieg noch wagen. Claudia und Alex, die weder mit Winterwanderschuhen noch mit Steigeisen ausgerüstet waren, wollten sich vom schlechten Wetter nicht abschrecken lassen und brachen allein in Richtung Gipfel auf:

Obwohl wir befürchteten, dass uns andere folgen könnten, versuchten wir, den Gipfel über den schwierigeren und längeren südlichen Weg zu erreichen. Zunächst bestand die einzige Schwierigkeit darin, mit unseren Sommerwanderschuhen durch den Neuschnee zu stapfen. Als wir dann aber den exponierten Gebirgsgrat auf 3800 m erreichten […], wurde der Wind zu stark. Schweren Herzens entschlossen wir uns zur Umkehr. Um den Gipfel zu besteigen, wären mindestens Steigeisen erforderlich gewesen, da mittlerweile der gesamte Felsuntergrund mit Schnee und Eis bedeckt war.

Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Km/h

Die beiden Wanderer und ihr Hund erreichten sicher das Tal. Unterwegs erfuhren sie, dass an der tiefer gelegenen Toubkal-Hütte Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern gemessen wurden. Die Enttäuschung darüber, den Gipfel nicht erklommen zu haben, ist merklich zu spüren, trotzdem obsiegte die Einsicht, „dass  die Umkehr die richtige Entscheidung gewesen war.“

Diese Geschichte hätte allerdings auch weniger gut ausgehen können, denn die beiden Wanderer haben einige Fehlentscheidungen getroffen, mit denen sie sich zumindest potenziell in Gefahr gebracht haben. Ob man einen über viertausend Meter hohen Berg im Sommer oder Winter besteigt, ist ein großer Unterschied, der sich auch in der eigenen Ausrüstung widerspiegeln muss. Ohne Steigeisen, entsprechendes Schuhwerk und Winterausrüstung ist eine solche Unternehmung schlicht fahrlässig. Dazu kommt, dass die beiden sich in der Region offenbar nicht gut auskannten und trotz der winterlichen Bedingungen auf einen Führer verzichteten — wer weiß, ob sie überhaupt eine Karte dabei hatten.

Warum die beiden sich die beiden trotz der Wetterbedingungen dazu entschlossen, den Weg zum Gipfel auf der schwierigeren — und an diesem Tag vermutlich einsameren — Route zu gehen, kann nur vermutet werden. Die Furcht, dass andere Bergsportler ihnen folgen würden, überwog aber offenbar die Besorgnis, dass sie aufgrund ihrer unangemessenen Ausrüstung verunglücken könnten. Den Reisebericht zu dieser Tour kann man auf dem Blog von Jack Wolfskin lesen. Mir drängt sich dabei die Frage auf, wie viel Verantwortung eigentlich ein Outdoor-Unternehmen für seine eigene Öffentlichkeitsarbeit trägt und ob es sinnvoll ist, Fehlverhalten dieser Art unhinterfragt an die eigenen, durch solche Reiseberichte inspirierten, Leser weiterzureichen.

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